Die Unvermeidbarkeit der Hierarchie: Warum Ungleichheit kein Fehler im System ist
In meinen Sitzungen mit Unternehmern, Erben und Visionären begegnet mir oft eine unterschwellige Dissonanz. Sie haben Erfolg. Sie haben Wohlstand generiert. Und doch leben wir in einem Zeitgeist, der diesen Erfolg zunehmend problematisiert. Der Ruf nach mehr Gleichheit wird lauter, und der moralische Fingerzeig auf das „obere Prozent“ aggressiver.
Doch bevor wir uns in Schuldgefühlen oder defensiver Apologetik verlieren, lohnt sich ein kühler, intellektueller Blick auf die Realität menschlicher Gesellschaften. Inspiriert von Hanno Sauers brillantem Buch „Klassen“, möchte ich heute ein Tabu brechen: Wir müssen über die Unvermeidbarkeit von Hierarchien und ungleicher Wohlstandsverteilung sprechen.
Der biologische Imperativ des Wettbewerbs
Lassen Sie uns die Romantik beiseitelegen. Wettbewerb ist keine Erfindung des modernen Kapitalismus. Er ist unser evolutionsbiologisches Erbe. Ob Nahrung, Partner oder sozialer Status – der Mensch konkurriert, seit es ihn gibt. Wer sich durchsetzte, überlebte.
Heute sublimieren wir diesen Drang. Wir akzeptieren Wettbewerb im Sport (Olympia) oder in der Wissenschaft (Nobelpreise) und applaudieren den Gewinnern. Doch sobald es um ökonomische Ressourcen geht, wird der Wettbewerb plötzlich anrüchig. Dabei ist er der Motor für Innovation und Anpassung. Ihre Unternehmen, Ihre Positionen sind oft das Resultat genau dieser Fähigkeit, Probleme besser zu lösen als andere. Das ist keine moralische Verfehlung, das ist Evolution.
Die Illusion der klassenlosen Gesellschaft
Es gibt eine tiefe Sehnsucht in uns: Wir wollen, dass sich die Gesellschaft anfühlt wie eine Familie – solidarisch, ohne Ellenbogen, „jeder ist Sozialist“ im engsten Kreis. Das ist ein gutes Ideal für das Zeltlager oder den Verein. Aber für eine moderne Großgesellschaft mit komplexer Ressourcen-Allokation?
Hanno Sauer bringt es auf den Punkt: Wer die Macht aus dem Markt nimmt und in die Politik steckt, schafft den Wettbewerb nicht ab. Er schafft nur neue, oft intransparentere Arenen des Machtkampfes. Eine Gesellschaft ohne Märkte und Preissignale (die nichts anderes als Knappheitsinformationen sind) führt nicht ins Paradies, sondern in die bürokratische Willkür. Wenn die politische Machtverteilung allein im politischen System steckt, enstehen Staaten, deren Bürger mit Waffengewalt daran gehindert werden müssen, das Land zu verlassen.
Es hat seit Jahrtausenden keine komplexe Gesellschaft ohne signifikante Besitzunterschiede gegeben. Wenn wir Eigentum und Freiheit zulassen, entsteht Ungleichheit. Das ist der Preis der Freiheit. Diese Ungleichheit stabilisiert sich über Generationen zu dem, was wir „Klassen“ nennen. Das anzuerkennen ist kein Zynismus, sondern Realismus.
Popkultur als Therapie für die Massen
Vielleicht haben Sie Succession, The White Lotus oder Triangle of Sadness gesehen. Haben Sie bemerkt, wie Menschen Ihrer Klasse dort dargestellt werden? Als debile Idioten, sexuell deviante Soziopathen oder unmoralische Clowns.
Warum ist das so populär? Es ist eine kollektive Bewältigungsstrategie. Der Normalbürger vergleicht sich mit Ihnen. Um die eigene Position erträglicher zu machen, muss der „Reiche“ moralisch bankrott sein. Es dient dazu, dass sich die Mehrheit besser fühlt. Die Wahrheit, die ich in meiner Praxis sehe, ist profaner: Gute Vermögende sind meist normal funktionierende Menschen, die sich um ihre Kinder sorgen und Firmen leiten, die Dinge herstellen, die Menschen brauchen. Aber „normaler, fleißiger Mensch mit viel Geld“ taugt nicht zum Feindbild.
Sozial konstruierter Überfluss statt Neiddebatten
Heißt das, wir sollten uns auf unseren Lorbeeren ausruhen und die soziale Spaltung ignorieren? Keineswegs. Aber die Lösung liegt nicht darin, Reichtum zu vernichten ("Es sollte keine Milliardäre geben"), sondern die Basis anzuheben.
Wir müssen aufhören, Utopien nachzujagen, die versprechen, dass alle gleich sein können. Wenn Politiker das Blaue vom Himmel versprechen und scheitern, entsteht jene paranoide Logik, die wir heute sehen: Die Suche nach den „dunklen Mächten“ und „grauen Eminenzen“, die den Wohlstand verhindern. Das ist gefährlich.
Mein Ansatz für eine verantwortungsvolle Elite: Setzen wir uns für ein soziales Minimum ein, unter das niemand fallen kann, und dafür, allen Menschen der Gesellschaft eine Teilhabe zu ermöglichen. Exzellente Infrastruktur, Bildung, Gesundheit – öffentliche Güter. Nationale Sicherheit oder ein schöner Stadtpark sind Güter ohne Rivalität im Konsum: Wenn ich sicher bin, sind Sie es auch. Sauer nennt das „sozial konstruierten Überfluss“. Anstatt Mangel zu verwalten, schaffen wir Räume, die allen gehören. Das schafft die Klassengesellschaft nicht ab, aber es nimmt ihr die Härte.
Realität statt Utopie
Unterscheiden Sie bitte immer zwischen Realität und Utopie. Wir werden keine Welt ohne Hierarchien und ohne Machtgefälle erschaffen, solange Menschen um knappe Ressourcen konkurrieren. Klassistische Vorurteile sind heute die letzte akzeptierte Form der Diskriminierung – oft sogar als „Klassenkampf von oben“ getarnt, wenn wir auf jene herabsehen, die weniger haben oder weniger gebildet sind.
Der Erfolg im Wettbewerb ist legitim und dieser Status darf mit Würde, wennauch ohne Arroganz, getragen werden. Die Verantwortung liegt nicht darin, sich für Reichtum zu entschuldigen, sondern darin, ihn so einzusetzen, dass der Boden, auf dem wir alle stehen, stabiler wird – nicht die Decke niedriger.